Es ist Dienstag, der 2. Juni 2009. Die meisten von uns „Negotiation Trackers“ sind bereits seit rund vier Tagen hier in Bonn und versuchen unser Glück als investigative Reporter, Übersetzer zwischen den Welten und nicht zuletzt: Beobachter unserer jeweiligen Delegationen. Dies ist mein erster Blogpost auf unserem gemeinsamen Blog des ambitionierten „Adopt a Negotiator“ Projektes – und das hat im wesentlichen einen Grund:

Bislang habe ich kaum etwas wirklich herausfinden können, das nicht auch schon vorher bekannt war. Mich beschleicht das Gefühl, hier nur ein weiterer stiller Beobachter einer langsam, aber stetig uns alle überrollenden Verhandlungsmühle zu sein, deren tatsächliches Ergebnis wir „Normalsterblichen“ wohl erst verstehen werden, wenn es längst zu spät ist.

Doch eben genau darin besteht vermutlich der Kern des Problems, das es für uns zu lösen oder zumindest partiell anzugehen gilt: Keine dieser Entscheidungen kann tatsächlich demokratisch, geschweige denn transparent verlaufen, wenn alles Wesentliche in Abkürzungen und Tonnen an bürokratischem Ballast kodiert wird. Mein Urteil nach zwei Tagen offizieller UN-Konferenz:  Wer  nicht gerade Umweltwissenschaften oder ähnliches studiert, noch jahrelange diplomatische Erfahrungen gesammelt hat, wird der Substanz der hier passierenden Verhandlungen kaum folgen können.

Das tragische daran ist, dass einmal mehr all jene, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind, am wenigsten werden mitreden können – und das auf allen Ebenen. Sowohl bei der Konferenz in Bonn (bei der mehr als 50 Delegierte aus Großbritannien und Australien, aber nur ca. 2-5 Leute aus Ländern wie Togo oder Tuvalu anwesend sind), als auch in Bezug auf die finanziell bedingte Macht oder Ohnmacht, Druck in wesentlichen Entscheidungssituationen auszuüben.

Am meisten fällt mir das hier morgens auf: Stets sind es Vertreter aus der so genannten „dritten Welt“, denen ich in morgens in Bus und U-Bahn begegne, während sich Teile der japanischen Delegation gestern unter meiner Beobachtung von einem bei weitem nicht Sprit sparenden 7er-BMW abholen ließen.

Nicht zuletzt wird diese finanzielle Diskrepanz auch in der Entscheidungsfindung hinter geschlossenen Türen eiskalt ausgenutzt, wie ich von einem Klima-Experten einer großen internationalen NGO gestern unter vier Augen erfahren durfte: Nicht selten setzen Industrienationen wie die Vereinigten Staaten den von ihrer Entwicklungshilfe abhängigen Ländern die Pistole auf die Brust und zwingen diese mit dem möglichen Abzug dieser Hilfe zur Linientreue.

Den Vogel abgeschossen hat am ersten Tag allerdings Australien, das dafür auch sogleich den „Fossil of the Day Award“ gewonnen hat: Australien offerierte, seine CO2-Emissionen bis 2020 um 24% unter den Stand von 1990 zu reduzieren, verknüpfte dies allerdings mit der Bedingung, dass Entwicklungsländer finanziell genauso stark am Kampf gegen den Klimawandel beteiligt werden müssten, wie Australien selbst. Schließlich seien die Auswirkungen des Klimawandels auch in Australien ähnlich schlimm wie in Afrika.

Dass dem nicht so ist, veranschaulicht dieser kurze Ausschnitt aus der Rede Grenadas aus der ersten Plenarsitzung am gestrigen Nachmittag. Mehr Videos werden zur Veranschaulichung folgen…

Ich bleibe mit einem Kopfschütteln zurück – und werde mich heute in ein rettendes Dokument einlesen, das mich möglicherweise durch den Klima-Dschungel zu navigieren vermag: „International Climate Policy Basics“ – alle Abkürzungen und Prozeduren werden hier so erklärt, dass ich sie hoffentlich bald Euch erklären kann. Am Donnerstag folgt dann vermutlich das Buch meiner Blogger-Kollegin Zoe aus Kanada: „Global Warming for Dummies“. – und Dummies, das sei gleich ehrlich vorweg genommen, sind wir bislang noch alle… aber Einsicht ist ja bekanntermaßen der beste Weg zur Besserung.

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