Alle Delegierten reden drüber, aber keiner macht’s. Tausendmal berührt, Tausendmal ist nichts passiert. Worum geht’s? Genau: Ein tatsächliches Ergebnis für unser aller Problem: Eine Treaty, ein Schriftstück, die konkret jene Lösungen anpackt, die wir brauchen. Nicht in den Köpfen, nicht irgendwie, irgendwann, irgendwo in ferner Zukunft, sondern jetzt.

Die NGO-Community (darunter indyAct, Germanwatch, WWF und Greenpeace) hat gestern Abend gegen 19:30 Uhr deutscher Zeit das vorgelegt, worauf aus der Ecke der eigentlich Verantwortlichen kaum noch jemand zu hoffen wagt: Ein Beispieldokument namens „A Copenhagen Climate Treaty“ – ein schriftlicher Beleg dafür, dass eine Lösung möglich ist, wenn nur alle Parteien tatsächlich ihrer Verantwortung gerecht und sich selbst dessen bewusst würden, was auf dem Spiel steht.

Ein bisschen erinnert mich das Pamphlet an meine sonstigen Tätigkeiten im „Web 2.0“-Bereich, steht doch unter dem eigentlich Titel „Version 1.0“. Und nicht nur das: Laut Wael Hmaidan, einer der Repräsentanten der aus der NGO-Community zusammengestellten Working Group, ist das Dokument auch eindeutig als „Open Source Vorlage“ zu verstehen. Alle NGOs hoffen und bauen gar darauf, dass möglichst viele Delegierte Teile des Textes (im richtigen Kontext, versteht sich) kopieren und wiederverwenden mögen: Copy & Paste ausdrücklich erwünscht!

Auf meine Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass Delegierte und Regierungsführungen sich tatsächlich von dieser inhaltlich präzise recherchierten Steilvorlage inspirieren ließen, ergänzte Jennifer Morgan aus den USA, dass schließlich auch die Arbeitsgruppe der NGOs das Ergebnis verhandeln musste und auch in dieser Arbeitsgruppe Menschen mit verschiedenen fachlichen, nationalen und religiösen Hintergründen wären.

Man muss sicherlich ergänzen, dass keiner der mitwirkenden Autoren in diesem Fall auch tatsächlich die finanziellen und politischen Konsequenzen tragen muss – die Legitimation, die Daseinsberechtigung dieser NGO-Experten speist sich aus den Interessen der Zivilgesellschaft, der Spender und anderer, was als wesentliches „negatives“ Druckinstrument fehlt, sind Industrielobbyisten, die gut und gerne mal ganze Regierungen in die Zange nehmen können.

Was dennoch auffällt und zu Bedenken gibt: Auch eine deutsche, australische oder japanische Delegierte muss die fälligen Geldmittel und Verpflichtungen nicht unmittelbar selbst erbringen und die dadurch entstehenden Belastungen aushalten – und was, wenn nicht die Vertretung der sie wählenden Menschen sollte die Aufgabe unserer Regierungen sein?

NGO-Experten stellen ihre Vorstellung einer gerechten "Copenhagen Climate Treaty" vor

NGO-Experten stellen ihre Vorstellung einer gerechten "Copenhagen Climate Treaty" vor

An diesem Beispiel wird deutlich, wie nationalstaatliche (und ich betone den Wortteil „staatlich“) Interessen den aggregierten individuellen Interessen ihrer jeweiligen Bevölkerungen zuwiderlaufen. Genau genommen wirkt dieser Widerspruch jedoch schon eine Ebene darunter: Wenn der Arbeiter am Band von Opel zunächst in erster Linie seinen Job retten will, bevor er auch nur ansatzweise darüber nachdenken kann, ob er durch die Produktion von Autos grundsätzlich zum Aussterben seiner Mitmenschen auf der Insel Tuvalu im Jahre 2050 beiträgt.

Mikro- und Makro-Ebene sind eben doch nicht ohne weiteres zu vereinbaren, zumindest dann nicht, wenn auf verschiedenen Ebenen verschiedene Informationsstände vorherrschen und damit gänzlich unterschiedliche Entscheidungen für den jeweilig Entscheidenden rational erscheinen müssen. Wir können schlichtweg nicht erwarten, dass es einen Karstadt-Mitarbeiter, der in der Bonner Innenstadt am Sonntag (selbst gesehen!) für seinen Job demonstriert, auch nur annähernd kümmert, ob die Temperatur auf unserer Erde bei einem bestimmtem CO2 Ausstoß X so stark steigen wird, dass Menschen wie er selbst vielleicht bald Rekordumsätze bei zimmergroßen Kühlschränken einfahren werden.

Geschweige denn: Dass dieser Mensch über diese Zusammenhänge überhaupt informiert ist. Genau deshalb wählen wir schließlich andere Menschen, Experten, die uns in bestimmten Zusammenhängen und Themengebieten repräsentierten und für unsere Interessen (oder jene, die wir hätten, wenn wir nur besser bescheid wüssten) einstehen.

Genau an dieser dünnen Linie zwischen „akuten Interessen“ und „jenen, die eigentlich in unserem Sinne wären oder sein sollten“ besteht allerdings der Bruch, an dem meines Erachtens unsere Demokratien kranken: Eine Nicole Wilke allein kann bei einer internationalen Klimakonferenz wie dieser schlichtweg nicht „DEN richtigen Weg“ für alle sich widerstreitenden Interessen der deutschen Bevölkerung 1:1 repräsentieren – und selbst, wenn sie es täte, würde es da draußen vermutlich keiner verstehen.

Nun, der Job von WWF, Germanwatch und Greenpeace ist es allerdings, genau dies für uns zu tun, wenn wir nicht selbst in der Lage sind, diesen Weitblick für uns als menschliche Spezies anzulegen... Ein Stück weit mag dies mit der „Copenhagen Climate Treaty“ durchaus gelungen sein, zumindest mal auf symbolischer Ebene, denn zu den juristischen Details kann ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht viel sagen.

Heute Nachmittag treffe ich mich dann endlich mit Christoph Bals, dem Forschungsdirektor von Germanwatch, und lasse mir einige der eine Ebene tiefer liegenden Details erklären, sowie das, was die NGO-Community nun auf strategischer Ebene plant, um möglichst viele der entwickelten Ideen auch zur Umsetzung zu bringen – was letztlich trotz eines breiten Konsens auf zivilgesellschaftlicher Ebene nur über die von uns gewählten (oder wie in vielen Fällen auch nicht gewählten) Regierungen und Regierungsvertreter gelingen kann, wenn überhaupt.


Gimme the treaty! Give it to me!

Can we have a fair an equitable treaty in Copenhagen? Is that deal that we are all talking about actually within our reach? Can IT be done?

YES WE CAN! And we did: Just yesterday, our representatives from civil society organisations / the NGO Community published a draft for „A Copenhagen Climate Treaty“ in its „Version 1.0“.

Climate change experts from from leading non-governmental organisations (such as WWF, Greenpeace, Oxfam and Germnwatch) have written their blueprint for a legally binding Copenhagen agreement.

Answering my question on their „roll-out“ strategy, Wael Hmaidan of indyAct (Lebanon) said that the document is not only distributed to all relevant negotiators from 192 UN Member states, but also a work in progress and an „Open Source Document“: Copy & Paste by delegates is therefore highly appreciated and encouraged 🙂

The document was build to show that and how major differences between rich and poor nations can be overcome. Jennifer Morgan from the US explained: „You know, we had our differences just as much as many negotiators may have them. Our experts came from all different kinds of backgrounds, nationalities, religions… but we did find a solution that is overcoming those differences.“

One must add though that the NGO-representatives are certainly in a slightly different role than our delegates and their respective governments. While NGOs do gain their legitimacy by the support of their constituencies and respective donations, governments also do depend lobby-groups (for e.g. those lobbying in the name of big oil-companies and others) as their most influential stakeholders.

In addition to that, many of us even don’t choose on a micro-level what would be best for us as human beings on the macro-level, since we simply do not see, let alone realise the extend of the correlation between both levels. How can we truly expect a guy working for an almost bankrupt General Motors to care about drowning people in Tuvalu in the year 2050 while building SUVs and other polluters to send his own kid to college?

We simply can’t. It’s the NGOs and Governments responsibility though to make those necessary decicions that are best for us in the long run and some of them appear to be „just right“, although they might not be easy to be agreed on in the first place.

You can find the 160-page “Copenhagen Climate Treaty”, which took some of the world’s most experienced climate NGO’s almost a year to write and contains a full legal text covering all the main elements needed to provide the world with a fair and ambitious agreement, here:

http://www.panda.org/about_our_earth/all_publications/?uNewsID=166281

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